Es geht auch um Geheimniskrämerei - noch heute schlummert der Denkmalsentwurf von Peter Eisenmann im Deutschen Historischen Museum, fern der Blicke Neugieriger - selbst Museumschef Stölzl soll das Modell noch nicht gesehen haben. Natürlich hat Staatsminister Pfeifer recht, wenn er Naumann vorwirft, daß dieser etwas ablehnt, was er nicht gesehen hat - "nicht hat sehen dürfen" wäre treffender.
Mitleid mit den Künstlern braucht man nicht zu haben; Künstler sind es gewöhnt, daß man über ihre Köpfe hinweg ihre Kunstwerke - manchmal sehr hart - diskutiert und sie sogar ablehnt. Nicht nur gebaute Kunstwerke, auch geplante. Das ist ganz normal. Auch Brandenburgs Kultusminister Reiche sei für seinen Hinweis, daß man erst am Anfang einer Diskussion stehe, Dank. Damit ein Mahnmal - oder ein Gedenktag - warum kein Gedenktag? -zustande kommt, bedarf es manchmal Jahre der Diskussion - kein Denkmal ist so banal, wie eines, das ein halbes Jahr nach dem Tode des Gedachten oder nach einer Großtat errichtet wird; am banalsten das Denkmal für den jungen Basketballspieler Michael Jordan in Chicago. Ein gutes Denkmal braucht seine Zeit. So gesehen greifen die Kritiken zu kurz, die meinen, daß in Deutschland zuviel und ohne Ende diskutiert und nicht gehandelt wird. Es ist keine Schande, sich mit strittigen Problemen auseinanderzusetzen, ganz im Gegenteil. Eberhard Diepgen hat recht, wenn er davor warnt, den Bau eines Denkmals übers Knie zu brechen. Nur ist sein Satz, Berlin dürfe nicht "Hauptstadt der Reue" sein, in diesem Zusammenhang völlig unangebracht.
Nicht Michael Naumann hat das Thema in den Wahlkampf eingeführt, sondern diejenigen vom Förderverein, die Kohl als letzte Instanz in den ästhetischen Entscheidungsprozeß einbrachten. Wer das Thema "Holocaust-Mahnmal" aus dem Wahlkampf heraushalten will, muß sich andere Themen überlegen. Das gilt auch für Kohl, der sich nicht scheut, das Thema für seinen Wahlkampf zu instrumentalisieren.
Soll Naumann oder soll Kohl entscheiden? Die Antwort kann nur lauten: Weder-Noch! Die Entscheidung, ob es ein Holocaust-Mahnmal geben soll, - ggf. wo und wann - kann eigentlich nur der Deutsche Bundestag treffen! Dort ist die Vertretung des ganzen deutschen Volkes. Doch davor stehen die Politiker, die meinen, ein deutsches Parlament würde die Idee eines Mahnmals im Keim ersticken. Wenn das der Fall sein sollte, was wir nicht glauben, soll es so sein. Aber ein "zentrales" Denkmal braucht Konsens, und der ist durch einsame Entscheidungen von Förderverein, Kanzler und Bürgermeister niemals zu haben. Dörfer und Kleinstädte mögen es vielleicht leichter haben, eine Entscheidung zu treffen, nicht aber die Bundesrepublik Deutschland als solche, und gewiß nicht die Bürger einer Stadt, die sich als Hauptstadt begreift.
Was wir nicht fordern, ist daß der Bundestag die ästhetische Entscheidung trifft. Die Entscheidung über das "Wie" gehört in den Bereich der Kunst und Künstler. Normal und vernünftig wäre also eine Entscheidung in der Sache - das "Ob" - durch den Bundestag, und dann die Überweisung an eine Kommission, dann an eine Jury von Historikern, Künstlern und Kunstsachverständigen für die Gestalt. Aber der Bundestag könnte und sollte die Verantwortung für die Ausführung übernehmen. Der Deutsche Bundestag - nicht Helmut Kohl, nicht Michael Naumann, überhaupt kein einzelner - müßte hier die letzte Instanz sein.
Wir appellieren daher an den Deutschen Bundestag, so bald wie möglich das Thema auf die Tagesordnung zu setzen und eine Empfehlung auszusprechen.
| Michael S. Cullen Carmerstrasse 1, 10623 Berlin Tel. 030-3125865 Fax 030-3l38667 |
Prof. Dr. Julius H. Schoeps Moses-Mendelssohn-Zentrum, 14467 Potsdam Tel. 0331-280940 Fax: 0331- 2809450 |