Daß Vater Staat und Mutter Stadt an diesem Dilemma kein Interesse haben, zeigt sich dadurch, daß sie ein "Interessenbekundungsverfahren" ins Leben gerufen haben. Aber: Vater Staat und Mutter Stadt müßten ein Interesse daran haben. Denn es handelt sich nicht um irgendeine Baustelle, sondern um einen großen, historischen Ort in der Mitte einer Großstadt, die nunmehr wieder Hauptstadt eines der reichsten Länder Europas ist, einer freien und befestigten Demokratie.
Diese Frage auf Architektur zu reduzieren, ist völlig unangemessen. Es geht um Funktionen und auch um Städtebau. Was auch immer passiert, es muß der Bedeutung des Ortes angemessen sein, und auch die Lücke in unserem Bild von Berlin angemessen und nicht kitschig füllen.
Ich gehöre zu denjenigen, denen die Architektur, wenn nicht gleichgültig, so doch sekundär ist. Dennoch gebe ich zu, daß das Schloß an der Spree weitaus schöner und imposanter war, als das meiste, was uns Architekten und Bauherren von heute geben. Der Schrei nach einer Replique oder Rekonstruktion ist daher leicht verständlich, löst das Problem nicht.
Auch ich würde der Frage der Nutzung den Vorrang einräumen. Bisherige Vorstellungen - vom Hotel zum Kongreßzentrum - auch in der Kleidung eines alten Schlosses - würden schmählich enden oder, wenn sie realisiert werden, zum Untergang der Stadtmitte führen. Die Nutzung muß so nobel sein wie die frühere war - die Verkörperung eines Staates.
Zwei Varianten schlage ich vor:
In beiden Fällen würde man die Reste vom Palast der Republik integrieren - das könnte eine Voraussetzung für einen Wettbewerb sein. Denn für die Funktionen sollte es einen Wettbewerb geben, und, wie Josef Paul Kleihues vorschlägt, Architekten aus aller Welt sollten mit Schlüter und Eosander wetteifern dürfen. Noch glaube ich, daß Bauherren (nicht zu unterschätzen, wenn es um die Frage der Nutzung handelt) und Architekten Großartiges schaffen können. Vielleicht wird es ein Wiederaufbau, vielleicht nicht.
Für diese Aufgaben muß das Geld vom Staat und von der Stadt kommen - hier geht es nicht um Investoren.
Da weder der eine noch die andere Geld haben, möchte ich einen zusätzlichen Faktor einfügen: die Zeit. Und von der Entstehung der Staatsbibliothek von Ernst Eberhard von Ihne berichten.
Schon Mitte des 19. Jahrhunderts war klar, daß die Königliche Bibliothek in der sog. "Kommode" gegenüber der Staatsoper für die kommenden Generationen nicht ausreichen würde. Die Frage war: Wo kann man ein neues Haus bauen, das so groß ist, daß es für gut 100 Jahre ausreicht.
Eine einzige Stelle gab es - da waren alle der selben Meinung. Es handelte sich um das sog. Akademieviertel, dessen Grenzen Unter den Linden, Universitäts-, Dorotheen- und Charlottenstraße waren. Allein dieses Viertel wurde von verschiedenen Nutzern belegt: von der Akademie der Künste, von der Akademie der Wissenschaften, von der Hochschule für bildende Kunst, von einem Teil des königlichen Marstalls.
Um 1890 wurde ein Plan geboren, der dann so ausgeführt wurde. 1892 kaufte der Staat einige alte Häuser südlich des Schlosses, ließ sie abreißen und Ihne einen Marstallneubau dort errichten. So konnten die Pferde und die Kutschen umgesetzt werden. Für die Hochschule für bildende Kunst wurde ein Platz in der Hardenbergstraße gefunden und durch die Architekten Kayser und von Groszheim belegt; dorthin kam auch die Hochschule für Musik, damals provisorisch in einer Villa in der Potsdamer Straße untergebracht. Die Akademie der Künste erhielt ein neues Domizil am Pariser Platz. Die Akademie der Wissenschaften zog - provisorisch - in die vakante Stadtvilla, um, nach der Vollendung der großen Bibliothek, wieder dorthin zu ziehen. Im März 1914, nach einem Vierteljahrhundert, eröffnete Wilhelm II. die Staatsbibliothek.
Natürlich wird es Bedenkenträger geben, die dies und jenes gegen einem solchen Vorschlag vorbringen:
Manche werden möglicherweise behaupten, an diesem Ort könnte man nicht ausreichend Bücherspeicher für 100 Jahre gewinnen. Ich antworte: Selbst wenn es so aussieht: Reservefläche wäre im Marx-Engels-Forum; außerdem gibt es Bereiche der Staatsbibliothek - nicht die Speicher oder Benutzerräume - die an andere Stelle gebracht werden könnten, z. B. Büchererwerb, Signaturabteilung, Buchhaltung usw. brauchen nicht auf dem wertvollen Boden zu sein, wenn der Platz für Bücher und Benutzer nicht ausreichen sollte.
Es wird auch Leute geben, die meinen, eine Bibliothek ist nicht lebendig genug. Diese Menschen sollten die Häuser der Staatsbibliothek besuchen, auch die Berliner Stadtbibliothek in der Breiten Straße, und, wenn die Zeit reicht, die großen Bibliotheken in New York, Paris, London, Wien, etc. Das sind lebendige, lebhafte Orte; es finden nicht nur Leser dort Platz, es finden dort Lesungen, Konzerte, Vorträge statt. Außerdem: nichts wäre gegen Cafés im Hause einzuwenden.
Es könnten dann die Bedenkenträger kommen, die meinen, der Scharounbau eigne sich nicht für eine Stadtbibliothek oder gar Landesarchiv - das müßte demonstriert werden.
Der Vorteil des vergangenen Jahrhunderts? Man hatte eine Vision, plante über einen großen Zeitraum, man streckte die Mittel über 25 Jahre. Und heute würde es vermutlich 10 -15 Jahre brauchen, ehe alles getan ist - 1.5 Mrd Mark oder 750 Millionen Euro über 15 Jahre gestreckt müßten Staat und Stadt für eine solche Lösung bereitstellen können. Weiter: Es gab damals nur zwei "Instanzen" - das preußische Kultusministerium und ein preußisches Abgeordnetenhaus. Jetzt müßte man den Bundestag, das Abgeordnetenhaus und möglicherweise die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte bemühen.
Um die Sache noch einen Dreh zu geben: Diese Bibliothek, diese Staatsbibliothek, könnte den Namen führen: "Holocaust-Gedenkbibliothek". Denn eine höhere Ehre an die Opfer - alle unschuldigen Opfer des Holocaust, als ein Ort zu widmen, wo die Geschichte gelernt werden kann, gibt es nicht - auch kein Denkmal.